Weisheiten aus aller Welt.

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DER KLEINE GRASHALM

Es war einmal ein kleiner Grashalm auf einem Hügel, der sich vergnügt im Winde wiegte und sich seines Daseins freute. Als er hungrig wurde, griff er im Erdreich nach einem Molekül und erklärte ihm:

"Gib acht, ich werde dich jetzt essen, denn ich bin hungrig . . .Andererseits tust du mir herzlich leid, denn du bist sehr schön in
deiner Vollkommenheit, du kleines Molekül! Wie egoistisch von mir, deinem Dasein nun ein Ende zu bereiten, damit ich leben
kann . . . Je länger ich dich betrachte, desto unschlüssiger werde ich . . . Sollte ich dir nicht deine Freiheit lassen in der Erde,
in deinem Reich?"

Da sprach das Molekül:
"Nichts verstehst du! Bedenke doch, dass ich hier nicht mehr bin als nur ein Molekül. Wenn du mich aber zu dir ziehst und mich verspeist, dann werde ich lebendig, denn ich werde eine Zelle, ich werde du! Und das genau will ich schon, solange ich denken kann. Ich will sein wie du, ein lebendiger Grashalm, tänzelnd in Wind und Sonne und kein vergrabenes Molekül in dunkler Erde. Kannst du das verstehen? . . . Bitte, nimm mich auf!''

Der kleine Grashalm hatte es verstanden, saugte das Molekül in sich hinein und ließ noch viele weitere folgen. Das Molekül war jetzt wohl als Molekül gestorben, aber als lebendige Zelle war es auferstanden in diesem Grashalm und ein Teil von ihm.
Da sprang ein kleines weißes Schäfchen daher und kletterte auf diesen Hügel. Es sah den Grashalm und bekam Appetit, gleich
wollte es ihn aus der Erde rupfen. Doch plötzlich hielt es ein, tat einen Sprung zurück und sagte sich:

"Ganz unmöglich! Ich kann es nicht! Wie egoistisch von mir, dem Leben dieses glücklichen Grashalms hier in der Natur ein
Ende zu bereiten . . . " Da sah der kleine Grashalm das Schäfchen bittend an und sprach: "Komm näher! Ich weiß, du hast Appetit auf mich, aber zugleich hast du auch Hemmungen, mich zu verspeisen, nicht wahr? Du irrst! Bedenke doch, dass ich nur ein kleines Pflänzchen bin, unbeweglich stehe ich im Erdreich eingewurzelt . . . Wenn du mich aber frisst, dann werde ich in Fleisch und Blut verwandelt, ich werde Leben, ich werde du, und ich kann durchs Grüne springen, tanzen und spielen. Sieh doch, wie ich festgehalten werde in der Erde . . ."

Das kleine weiße Schäfchen hatte es verstanden, nahm den Halm und fraß ihn auf. So war der kleine Grashalm als Pflänzchen
wohl gestorben, aber er lebte fort als jenes Schäfchen, das freudig über das Land sprang. Gegen Abend lief das kleine weiße Schäfchen zurück zum Stall und traf dort den Sohn des Hauses, einen kleinen Buben, der es in seine Arme schloss und weinte. "Weshalb weinst du denn?'' fragte das Schäfchen, und der Bub zog es noch fester an sein Herz und sagte: "Morgen feiern wir ein Fest. Papa hat gesagt, dass man dich töten wird und wir dich alle essen werden."

Da sah das kleine weiße Schäfchen den Buben mit großen Augen an und sprach: "Und deshalb weinst du? Aber du verstehst ja gar nicht, worum es geht, mein Kind! Bitte nimm mich, bring mich zu deinem Papa, und feiert morgen euer Fest mit mir, indem ihr alle von mir esst. Schau, jetzt bin ich nur ein kleiner Vierbeiner vom Reich der Tiere. Wenn du mich aber nimmst und isst, dann werde ich zum F e s t , dann werde ich w i e ihr und dann werde ich du , ich dringe in dich ein, um endlich das zu werden, wovon ich immer träumte EIN MENSCH."

Der Bub verstand. Er nahm das kleine weiße Schäfchen und brachte es dem Vater. Am nächsten Tag feierten die Menschen ein Fest mit dem kleinen weißen Schäfchen. Es war jetzt wohl tot als Schäfchen, durch seinen Tod jedoch verwandelt worden in menschliche Feststimmung und Freude, in Liebe und Kommunion unter den Menschen. (Henri Boulad)

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Diese schöne Geschichte erfuhr ich von Jonny , Page: Jonny's Lichtblicke

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