"Ein Brahmane lies seine Witwe mit einem sehr kleinen Kinde, einem Knaben, ganz arm zurück. Als Sohn eines Brahmanen sollte dieser eine gute Erziehung erhalten; aber wie konnte man dies ermöglichen ? Es gab keinen Lehrer hier in dem Dorfe, in welchem die arme Witwe lebte, und so mußte der Junge, weil die Mutter so arm war, zum Unterricht in das benachbarte Dorf zu Fuß gehen. Zwischen den beiden Dörfern war ein kleiner Wald, durch den der Knabe gehen mußte. Wie in allen heißen Ländern, so auch in Indien, wird der Unterricht in den Morgen- und Abendstunden erteilt. In der Tageshitze wird nicht gearbeitet. So war es immer dunkel, wenn der Kleine zur Schule ging und wenn er heimkehrte. In meiner Heimat ist der Religionsunterricht für die, die nicht zahlen können, frei. So konnte auch der kleine Knabe zu seinem Lehrer ohne Bezahlung; aber er mußte allein durch den Wald und er fürchtete sich sehr. Da ging er zu seiner Mutter und sagte: » Immer muss ich allein durch den schrecklichen Wald, und ich fürchte mich so! Andere Knaben haben Diener, die mit ihnen gehen und sie beschützen - warum habe ich nicht auch einen ?« Seine Mutter sagte: »Ach, mein Kind, ich bin zu arm; ich kann Dich von keinem Diener begleiten lassen!« - »Was kann ich nur tun?« fragte der kleine Knabe. »Ich will es Dir sagen «, antwortete die Mutter. » Tue dies: Im Walde ist Krishna, der Hirt, dein Bruder (Krischna ist in Indien auch als Hirtengott bekannt); rufe ihn, dann wird er kommen und Dich beschützen, und Du wirst nicht mehr allein sein.« Als der Knabe am nächsten Tage durch den Wald ging, rief er: » Bruder Schafhirt, Bruder Schafhirt, bist Du da ?« Da hörte er eine Stimme: » Ja, ich bin hier.« Und der Knabe war getröstet und fürchtete sich nicht mehr. Ab und zu traf er, wenn er aus dem Walde kam, einen Knaben seines Alters, der mir ihm spielte und ihn eine Strecke weit begleitete. So war der Knabe glücklich. Nach einiger Zeit starb der Vater des Lehrers, und es war eine große Feier (wie es in Indien bei solchen Gelegenheiten üblich ist). Da alle Schüler ihrem Lehrer ein Geschenk machten, bat der kleine Knabe seine Mutter, ihm ach eines zu kaufen. Aber seine Mutter war zu arm. Da weinte er und sagte: » Was soll ich nur tun?« Die Mutter antwortete: »Geh zum Bruder Schafhirt und frage ihn.« So ging er in den Wald und rief: »Bruder Schafhirt, Bruder Schafhirt, kannst Du mir ein Geschenk für meinen Lehrer geben?« Da erschien vor ihm ein kleiner Krug mit Milch. Dankbar nahm er den Krug und ging zum Hause des Lehrers. Dort stellte er sich in eine Ecke und wartete, bis der Diener seine Gabe dem Lehrer bringen würde. Die andern Geschenke aber waren so viel großartiger und schöner, daß die Diener auf sein Geschenk nicht achteten. Da sagte er: »Lehrer, hier ist das Geschenk, das ich Dir mitgebracht habe.« Der Lehrer sah herab auf die lächerliche, kleine Gabe, die er verachtete; doch sagte er zum Diener: »Da er so viel Aufhebens davon macht, nehmt den Topf, gießt die Milch in ein Glas und laßt ihn gehen.« Der Diener nahm den Krug und goß die Milch in eine Tasse; so viel Milch er herausgoß, so viel füllte sich im Krug wieder nach, und er konnte nicht geleert werden. Jedermann staunte und fragte: »Was bedeutet dies - woher hast Du diesen Krug?« Der kleine Knabe sagte: »Bruder Schafhirt gab ihn mir im Walde.« - »Was«, riefen sie alle, »Du hast Krischna geschaut? Krischna gab Dir das?« - »Ja«, sagte der Kleine, »und jeden Tag spielt er mit mir und begleitet mich, wenn ich zur Schule gehe.« - »Wie«, riefen sie alle, »du gehst mit Krishna, spielst mit Krischna?« Und der Lehrer sagte: »Kannst du uns mitnehmen und ihn uns zeigen?« Und der Knabe antwortete: »Ja, das kann ich; kommt nur mit mir.« Der Lehrer und das Kind gingen zusammen in den Wald, und der Kleine begann, wie immer, zu rufen: »Bruder Schafhirt, Bruder Schafhirt, mein Lehrer ist zu dir gekommen - wo bist du?« Aber niemand antwortete. Wieder und wieder rief der Kleine; aber keine Antwort kam. Da weinte er und sagte: »Bruder Schafhirt, bitte, komm; sonst werden sie mich Lügner schelten.« Da kam eine Stimme von weither und sagte: »Zu dir komme ich, denn du bist rein und deine Zeit ist gekommen; doch dein Lehrer hat noch durch viele, viele Geburten zu gehen, bevor er mich schauen wird.« "
Aus "Gespräche auf den 1000 Inseln", Rascher Verlag, Zürich 1944